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Der Himmelsreisende
Ernst Meier
Da war einmal
ein lustiger Wandersmann, der ging in ein Wirtshaus, um ein Glas Wein zu
trinken. Sprach die Wirtin: „Woher die Reise?“ „Ich komme eben vom Himmel!“
sagte der Fremde. „Was Sie sagen! vom Himmel kommen Sie?“ sagte die Frau. „Ei
freilich!“ versetzte er. „Ei“, sagte die Frau, „da haben Sie ja auch wohl meinen
seligen Mann, den Hans, gesehen?“ „Ha, das versteht sich, “ sagte der Fremde,
„dass ich ihn gesehen habe; ich kenne ihn sehr gut, wir sind beständig gute
Freunde zu einander gewesen.“ „Jesus Maria!“ rief die Frau, „was Sie sagen! also
Sie haben ihn wirklich gesehen und gesprochen und gekannt?“ „Ei warum nicht?“
versetzte der Mann. „Um Gottes willen!“ sagte die Frau, „wie geht’s ihm denn
nur?“ „Ach, so so! nicht eben zum Besten, “ sagte der Fremde. „Da droben ist’s
halt schwer fortkommen. Er muss viel schaffen und der Verdienst ist gering. Als
ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hat er beinah kein heils Hemd mehr am Leibe
gehabt.“ „Dass sich Gott erbarm!“ seufzte die Frau. – „Ach, wüsst’ ich nur, “
fuhr sie nach einer Weile fort, „wie ich ihm etwas zuschicken könnte, ich wollt’
ihm gern was abgeben, ich hab’s ja, Gott sei Dank.“ – „O, “ sagte der
Wandersmann, „da wäre wohl Rath; ich gehe nächstens zurück, und kann ihm schon
Einiges mitnehmen, was Ihr ihm schicken wollt. Das wird eine Freude sein!“ –
„Ach, bester Freund“, sprach die Frau, „also kein Hemd hat er mehr am Leibe
gehabt, kein heils? Ich hab da grad ein halbes Dutzend ganz neue für meinen
ältesten Sohn machen lassen, die passen auch für meinen Mann selig; ach, wenn
Ihr die mitnehmen wolltet!“ „Recht gern!“ sprach er. „Und diese dreihundert
Gulden auch!“ „Auch die“, sprach er, „kann ich schon noch tragen.“ „Ach Gott, “
sprach sie weiter, „und da hab ich noch einen halben Schinken und ein paar
Würste, die hat er immer so gern gegessen!“ Auch die nahm der Fremde noch in
Empfang und trat unter tausend Danksagungen seine Weiterreise an.
Als der älteste
Sohn der Wirtin nach Hause kam und von der Mutter erfuhr, was vorgefallen war,
sattelte er schnell ein Pferd und jagte dem Himmelsboten nach. – Der hatte sich
indes wohlgemut ins Freie begeben und gerade beim Eingang des Waldes hingesetzt,
als er den Reiter daher sprengen sah und Unrat vermerkte. Sogleich setzte er
seinen Hut auf die Erde und tat, als ob er ihn eifrig bewache. – Wie der Reiter
nahe kam, hielt er an und fragte den Wanderer, ob er der Mann sei, der in den
Himmel reise? „Freilich“, sagte er, „der bin ich.“ „Nun, “ rief er, „so gebt nur
sogleich das Geld heraus, das ihr meinem Vater bringen solltet!“ „Wie Ihr
wollt“, sprach der Reisende, „mir kann es einerlei sein; wenn Ihr’s Eurem Vater
nicht gönnt, so brauch ich’s nicht zu tragen. Nur müsst Ihr ein wenig warten.
Ich hab da grad unterm Hut einen sehr seltenen und kostbaren Vogel sitzen, den
ich hier gefangen, der ist wenigstens dreihundert Gulden wert, und hab einen
Mann in die Stadt geschickt, dass er mir einen Käfig holen soll. Diesem Manne
hab ich, weil er nichts zu tragen hatte, auch die dreihundert Gulden mitgegeben,
die Euer Vater haben sollte. Wenn er zurückkommt mit dem Käfig, müsst’ Ihr eben
mit mir in die Stadt reiten.“ Ja, das war dem Sohne ganz recht und er blieb da.
– Nach einer Weile aber sprach der Himmelsreisende: „wenn Ihr mir den Vogel
recht sorgfältig hüten möchtet, so könnte ich dem Manne auch gleich nachlaufen,
denn er wird ohnehin wohl sobald nicht zurückkommen; oder, noch schneller würde
es gehen, wenn Ihr mir Euer Pferd leihen wolltet; da wäre ich gleich wieder hier
und Ihr könntet bei Zeiten noch heimkehren.“
Dieser
Vorschlag schien dem Sohne sehr vernünftig, weshalb er ihn auch auf der Stelle
annahm und den Reisenden sein Pferd besteigen ließ, indessen er selbst den
kostbaren Vogel unter dem Hute bewachte.
Da saß er nun,
und hatte schon mehrere Stunden neben dem Hute gesessen, und der Himmelsreisende
wollte immer noch nicht mit dem Pferde und dem Gelde zurückkommen. Seinen Posten
mochte er nicht verlassen wegen des kostbaren Vogels, der ihm zugleich ein
Unterpfand däuchte für die dreihundert Gulden, und doch kam der Abend schon
heran, so dass er endlich sich entschloss, den Vogel in die Hand zu nehmen und
selbst damit in die Stadt zu gehen. Mit der größten Vorsicht hob er deshalb den
Hut ein klein wenig in die Höhe, so dass er mit seiner Hand darunter langen
konnte; bekam aber gar keinen Vogel zu fassen, sondern etwas ganz anders, was er
niemals gesagt hat.
Mit einem Male
war er jetzt entschlossen, sogleich zu seiner Mutter heimzukehren. Die
verwunderte sich sehr, dass der Sohn so spät und ohne sein Pferd kam. Als er ihr
aber sagte, dass er unterwegs sich besonnen und das Pferd ebenfalls dem
Himmelsreisenden mitgegeben habe, damit er die Sachen schneller dem Vater
überbringen könne, da gab die Mutter sich gern zufrieden, und auch der Sohn hat
nicht weiter von der Sache gesprochen. |