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Osterhasens Reise im Nikolaus-Sack Laut Kalender war es Spätherbst, der erste Advent gerade vorbei. Überall in Deutschland und Österreich hatte sich die Erde unter dem Frost steinhart zusammengeballt. Die Pfützen waren mit klirrenden Scheiben überzogen und vom Himmel tanzten die berühmten Weisröckchen, von den Kindern sehnsüchtig herbei gesungen. Nur in einem Winkel am Alpenrand schienen die Naturgesetze außer Kraft geraten: Im Salzburger und Berchtesgadener Land herrschte der Föhn: Mit tosender Macht rauschte der warme Wind von den Bergen herab, pustete sämtliche Wolken bis zum Chiemsee und blies so warm über die verwaisten Acker, wie Maienluft.
Da brachen die
Forsythien in den Garten auf und die Krokusse schossen mit den Himmelsschlüsseln
um die Wette aus dem saftigen Gras. Die Kinder fuhren Skateboard und ließen
Drachen steigen, - die Pelzhändler aber runzelten die Stirn: bei solchen
Wärmegraden machten sie keine Geschäfte...
Da begegnete ihm ein großer, alter Mann mit weisen Haaren und einem langen, weisen Bart. Der trug einen dicken Mantel aus purpurrotem Wollfilz mit weisem Pelzbesatz, und seine schweren Fellstiefel sanken bei jedem Schritt tief in den weichen Humusboden. Auf seinen Schultern lastete ein großer Sack und von der Stirn tropften ihm Schweißperlen. „Meinen aller gnädigsten Gruss, edler Herr, wo kommt Ihr denn her in dieser Tracht?“ fragte der Osterhase mit höflichem Kratzefuss. „Habt Ihr Eure Frühlingsgarderobe noch nicht ausgepackt?“ „Du irrst Dich, guter Hase“, entgegnete der eingepackte Herr, „der Winter ist überall angebrochen, nur in dieser Gegend spielt das Wetter verrückt.“ „Dann haben wir also gar nicht Frühling?“ fragte der Osterhase mit ungläubigen Augen und einem Riesenstossseufzer. „Aber nein, es ist Advent“, beschwichtigte ihn der alte Mann. Der Hase schien erst erleichtert, fragte dann aber doch verwundert: „Wo kommen dann all die Frühlingsblumen her? Und warum scheint die Sonne so unverschämt warm, dass alle Kreatur keimt und sprießt?“
„Das ist ein
Streich, den der Föhn gespielt hat – aber sage mir, warum ist das so wichtig für
Dich?“ Der Herr im Pelz riss die Augen auf: „So ein Zufall! Ich bin der Heilige Nikolaus.“ „Der Nikolaus? - Der Osterhase schnappte ordentlich nach Luft. – d d d der richtige, echte Nikolaus?“ und dann fiel er vor Staunen auf den Popo. Das musste er erst mal verdauen. Wenngleich die beiden voneinander wussten, so war es doch im Jahreslauf nicht vorgesehen, dass sie sich jemals begegnen wurden! Wenn der Nikolaus nämlich mit Sack und Rute von Haus zu Haus geht, träumt der Osterhase selig und süß in seinem Winternest. Und wenn der Osterhase mit seinem Eierkorb von Garten zu Garten hoppelt, schnarcht der Nikolaus tief und fest in seiner Holzhütte am Nordpol. Jetzt standen sie sich leibhaftig gegenüber – war das zu fassen? Noch bevor der Osterhase die Überraschung verdaut hatte, gellte ein Schuss durch den Wald. Entsetzt sprang er auf und starrte den Nikolaus mit weit aufgerissenen Augen an. ─ Was war das? ─ Noch ein Knaller! ─ Dem armen Hasenfuss schlotterten die Knie. „Es ist Jagdzeit“, erklärte der Heilige, „Du musst Dich verstecken.“ „Abbbbber - ich bin doch der Osterhase!“ stammelte Meister Langohr mit entrüstetem Blick, „mich darf man nicht erschießen!“ „Ob das die Jager wissen?“ gab der Nikolaus zu bedenken. „Schließlich ist es doch ungewöhnlich, dass der Osterhase im Dezember spazieren geht...“ Der sackte käsebleich zusammen und begann erbärmlich zu bibbern. Der Nikolaus hatte Recht, er war in höchster Gefahr! ─ Peng! Noch ein Schuss! Jetzt war keine Zeit mehr, zu überlegen, jetzt musste gehandelt werden! „Spring’ schnell in meinen Sack“, schlug der Nikolaus vor, „dort sieht Dich keiner und Du stehst unter meinem Schutz.“ Dies schien auch dem Osterhasen die sicherste Möglichkeit, den blutrünstigen Haschern zu entrinnen. So schlupfte er ohne Zögern zwischen all die guten Gaben und zog die Ohren ein. Wenn ihm ein Leid geschähe – wer wurde dann zu Ostern den Kindern die bunten Eier bringen? Kaum hatte der Nikolaus seinen Gabensack wieder zugebunden, wurde er von einer Meute klaffender Jagdhunde umringt, denen bald eine Horde schwitzender Treiber folgte. Die Hunde hielten den Herrn im Pelzmantel wohl für einen Wilderer, denn sie jaulten ganz schauerlich und sprangen immer wieder an dem großen Sack hoch, aus dem ihnen die Witterung eines höchst lebendigen Hasen entgegen strömte. Dem Osterhasen standen die Haare zu Berge und sein kleines Hasenherz pochte bis zum Hals.
Verzweifelt
tastete er umher, bekam einen Hampelmann zwischen die Pfoten und druckte ihn
fest an seine Hasenbrust. Und der gute Hampel tröstete den bibbernden Osterhasen
in seiner Todesnot. Auf einem Bauernhof am Rand des Hausermeeres kehrte er zuerst ein. Nach der Bescherung bat er die Bäuerin, sich ungestört im Stall ausruhen zu dürfen. Die fromme Landfrau hatte den hohen Besuch lieber die Ofenbank in der guten Stube angeboten, gab dem seltsamen Wunsch des Heiligen aber widerspruchslos nach: ‘Vielleicht will er den Tieren noch seinen Segen geben’, dachte sie, ‘schließlich ist das Christkind zwischen Ochs und Esel geboren worden.’ Im Stall schloss der Bischof sorgfältig die Tür und wandelte würdevoll durch ein Spalier gemächlich wiederkauender Kühe. Ab und zu nickte er huldvoll mit dem Kopf, wenn ihn ein rosenmundiges Rindsmaul mit munterem Muh willkommen hieß. Am Ende der Sackgasse türmte sich eine Fuhre frischer Streu. Aus dem einen Eck blinzelte ein zutraulicher Esel von seinem Strohlager und aus dem anderen Eck lugten drei aberwitzige Ziegen über den obersten Balken ihrer Bretterbox. Der Nikolaus ließ seinen schweren Sack in den Strohvorrat plumpsen und befreite sogleich seinen Weggefährten. Dann lies er seinen dicken Mantel von den Schultern gleiten, breitete ihn auf dem Stroh aus und setzte sich erleichtert nieder. Der Osterhase reckte sich und streckte sich und guckte neugierig herum. Dann schlich er zur Stalltür und spähte durchs Schlüsselloch, um nachzugucken, wo er denn nun eigentlich sei. Doch er sah nur ein paar Sterne, die weit weg vom Himmelszelt blinkten. Aufgeregt lief er zu seinem Beschützer zurück: „Wie kann das sein – draußen ist’s schon dunkel und wir haben doch höchstens Nachmittag!“ ─ „So ist das immer in der Heiligen Zeit“, erklärte der Bischof, „die Tage sind kurz und die Nachte lang. Nicht umsonst wird der Advent die besinnliche Zeit genannt. Da haben die Menschen Zeit, sich zu besinnen.“ „Aber bei solch stockdusterer Nacht finde ich nimmermehr zurück!!“ jammerte der Osterhase. Ratlos kratze er sich unterm rechten Löffel, dann blitzten seine Äugelein auf: „Ich konnte mich in dem Strohhaufen hier verkriechen, bis der Frühling kommt...“ Ein kratzendes Geräusch am Stallfenster unterbrach das Gespräch. Entsetzt sprang der Osterhase hinter die dicken Kuhleiber und druckte sich gleich an die raue Kalk Wand. Einen Kuhfladen wollte er nicht auch noch ins Gesicht serviert bekommen... Der Nikolaus erhob sich ächzend und ging nachschauen. Der halbwüchsige Sohn des Pferdeknechts druckte sich an der beschlagenen Scheibe die Nase platt. Er war mit seinem Vater spät vom Holzholen aus dem Wald zurückgekehrt und hatte beim Abendbrot erfahren, dass sich der Heilige im Stall aufhielt. Hinter dem Namen des Burschen war „fromm und fleißig“ im Goldenen Buch vermerkt - er hatte also etwas Suses aus dem Gabensack verdient. Nikolaus schob ihm etliche Lebkuchen durch die Gitter des kleinen Fensterchens und nahm ihm das Versprechen ab, für den Rest des Abends brav nebenan im Pferdestall zu bleiben. Der Junge war einverstanden und vertrollte sich fröhlich pfeifend mit seinen Leckereien. Nun rief der Nikolaus den Osterhasen wieder hinter den fliegenklatschenden Kuh Schwänzen hervor und bot ihm an, mit auf dem Pelzmantel Platz zu nehmen. „Über längere Zeit kannst Du Dich hier nirgends verstecken“, erklärte der Bischof, „aber ich kann Dich nachher mit in die Stadt nehmen und auf dem Rückweg an geeigneter Stelle absetzen.“ Der Hase äugte mit gerümpfter Nase auf das Notquartier, dem er gerade entronnen war: „Du willst mich doch nicht etwa wieder in den dunklen Sack stecken?“ „Da wird uns nichts anderes übrig bleiben, wenn Du unerkannt aus dem Dunstkreis der Menschen verschwinden willst.“ Die Situation war peinlich. „Ja, bin ich Dir denn nicht zu schwer?“ wandte der Osterhase ein, „Du hast doch auch ohne mich schon genug zu schleppen.“ „Eine Bürde, die mit Freuden getragen wird, ist keine Last“, erwiderte der Alte und lächelte sein ewig junges Gegenuber gütig an. Der Osterhase senkte beschämt die Lider. „Und damit Du an diesem kleinen Ausflug auch deine Freude hast, schneide ich ein Guckloch ins Gewebe.“ Da strahlte
der Osterhase
wie ein Honigkuchenpferd: „So einer, wie Du, ist mir noch nie begegnet.“ „Vorsicht, das ist nichts für zarte Gemüter!“ warnte der Alte, als er merkte, dass das Häslein derart scharfe Sachen nicht kannte. Schnell gab er ihm einen Elisenlebkuchen und lies den Zuckerschnaps verschwinden. Der Osterhase schnupperte aufgeregt an der unbekannten Köstlichkeit, dann biss er vorsichtig hinein: So also schmeckte Weihnachten! Verzückt schmatzte er den würzigen Honigkuchen und merkte kaum, dass ihn der Nikolaus wieder in den Sack steckte. Der Bischof zog seinen Mantel über, verließ den Stall und ging seines Wegs, während der Osterhase im Sack Lebkuchen mampfend unbekannten Abenteuern entgegen schaukelte. Plötzlich traf ihn ein weiser Lichtstrahl ins Gesicht. Motoren heulten, Bremsen quietschten. Sie waren in der Stadt. Der Osterhase lugte durchs Loch des Nikolaussackes in die weihnachtlich geschmückten Straßen: Tannengrun, bunt glänzende Kugeln, glitzernde Sterne und überall viele kleine Lichter. Wie schön, dass er das erleben durfte. Nun gingen sie von Haus zu Haus. Nikolaus las aus dem Schwarzen und dem Goldenen Buch vor, tadelte und lobte, wie es seine Pflicht war, hörte sich Lieder und Gedichte an. Dann verteilte er Apfel, Nuss’ und Lebkuchen – manchmal auch kleine Spielsachen. Als alle Kinder der Innenstadt besucht waren, bummelte der Heilige Mann noch über den Christkindlmarkt. Was gab es da zu sehen! Am Liebsten wäre der Osterhase durchs Guckloch gekrochen, um all die wunderbaren Dinge anzufassen. Hölzerne Engel mit geschnitzten Flügeln schwebten über bunt bemalten Nussknackern. Vor den Rindenkrippen mit den lebensechten Tonfiguren glitzerte silbernes Lametta. Aufgeputzte Zwetschgenmanderl standen stolz neben ihren Weiberl vor reich verzierten Lebkuchen Häusern. Bunt glänzende Christbaumspitzen, Posaunen und Trompeten harrten neben klimpernden Glockenspielen ihrer feierlichen Verwendung und hie und da erklang eine liebliche Melodie – mal aus einer Spieluhr, mal von Musikanten, die auf einem Podium neben dem Christbaumverkauf auftraten. Zwischen all diesem Budenzauber roch es an jedem Eck anders: Hier nach gebrannten Mandeln, dort nach Bratwürsten und dazwischen nach Punsch und Glühwein. Unter dem großen beleuchteten Tannenbaum am Ende des Marktes stand noch ein Maronimann. Was musste Weihnachten für ein Fest sein, wenn die Menschen schon drei Wochen vorher so zu feiern wussten! Der Osterhase schloss die Augen und glaubte zu träumen.
Das Gemurmel
verebbte, Orgelklang und Chorgesang weckten ihn aus den süßen Glimmertraumen.
Angestrengt schaute er hinaus ins Dunkel. Vor ihm präsentierte sich das
majestätische Portal des Domes im Mondenschein. Der Nikolaus nickte zufrieden,
stapfte zum Hintereingang und schlich in die hell erleuchtete Sakristei. Von
dort führte eine teilverglaste Tür in einen selten benutzen Nebenraum voller
Kirchen Gerümpel. Hier öffnete der Nikolaus seinen fast leeren Sack und lud den
verwirrten Osterhasen ein, mit ihm am Rand eines alten Taufbeckens Platz zu
nehmen. Dann zog er eine Tute heiser Maroni aus dem Ärmel und zeigte seinem
kleinen Freund, wie man sie öffnete und verspeiste. Wie die beiden gerade
einträchtig schmausend ihr wohlverdientes Abendmahl hielten, kam der Mesner in
die Sakristei, horte beim Einfüllen des Messweins das Knacken der Schalen und
dachte, im Abstellraum seien Mause dabei, eine hölzerne Heiligenfigur kaputt zu
nagen. Mit dem Besen in der Hand stürmte er hinein. Als er sah, wer da im
Hinterzimmer vergnügt süße Kastanien schnabulierte, lies vor Schreck den Kelch
des Herrn fallen und stürzte einem Irren gleich in die Andacht. Der Priester
unterbrach erstaunt sein Hosianna, als sein Diener mit konfusen Gebärden
stammelte, neben der Sakristei säße der Nikolaus mit dem Osterhasen und futtere
Maroni. Die Chorknaben kicherten drauflos, die Gemeinde erwachte aus ihrer
Versenkung, Unruhe breitete sich aus. Während dessen hatte der Nikolaus seinen Gefährten wieder im Sack verstaut und sich aus dem Kirchenstaub gemacht. Der warme Wind war wie weggefegt. Bei klirrender Kalte keuchte er durch die grauen Gassen. Mensch und Tier hatten sich in die Hauser verzogen, warmer Rauch stieg aus den Schornsteinen empor, vom diesigen Himmel wirbelte ein Schneeballett. Nach und nach verhallten die Schritte des Heiligen auf dem Kopfsteinpflaster. Er verließ die Stadt. Im milchigen Nachtlicht wanderte Nikolaus über holprige Stoppelfelder und zertrampelte Weiden dem Gebirge zu. Auf einem vorgelagerten Hügel besuchte er noch einen halb verlassenen Aussiedlerhof. Ein altes Mutterl saß einsam in der Kuchl und sortierte Hutzeln, die im Kachelofen dorrten, auf der Ofenbank garte dunkler Brotteig. Im Herrgottswinkel flackerte eine Kerze und gab den Erinnerungsbildern an der Wand einen lebendigen Ausdruck. Während ihre Hände unermüdlich werkelten, unterhielt sich das Hutzelweiblein murmelnd mit den Verstorbenen, grad so, als säßen sie putzmunter bei ihr am Tisch. Der Nikolaus hängte ein riesiges Lebkuchenherz ans Fenster und verzog sich in die Scheune.
Im Sack regte
sich nichts. Der Osterhase lag im Tiefschlaf, den Hampelmann im Arm, und
schnaufte so sanft, wie ein satter Säugling. Schmunzelnd stopfte der Heilige
etwas Stroh unter seinen Popo und packte ihn rundum in Heu ein. Dann nahm er
seinen kleinen Freund wieder huckepack und stapfte hinaus in die schlafende
Natur. Der Strahl des Abendsterns lugte neugierig durchs Guckloch: Vorsichtig legte der Nikolaus seinen Sack hinein und segnete den schlafenden Osterhasen. Mochten Fels und Rinde vor Wind und Wetter, Heu und Stroh im Sackleinen den fröhlichen Gesellen vor der Kälte schützen, bis seine Zeit anbrach, die Kinder mit bunten Eiern zu überraschen. Dann stapfte der Alte noch ein Stückchen weiter bergan. Auf einer Hochebene neben dem Gipfel stand sein Himmelbettschlitten. Zufrieden kroch der unsterbliche Bischof von Myra in seine Eiderdaunen, streckte seine müden Glieder und zog an einer roten Kordel. Glockengelaut erklang, die vorgespannten Engel breiteten ihre goldenen Flügel aus und trugen das prächtige Gefährt „Halleluja“ singend über die Schneewolken in den Weihnachtshimmel. |
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Dieses Märchen
wurde mir von Marion Wolf zur Verfügung gestellt. |
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