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Kapitel

Vorwort
Eine Schlägerei und der Ritterschlag

Das Abenteuer am Kreuzweg

Der Kampf mit den Windmühlen
Ein halbes Ohr und ein halber Heim
Das verhexte Wirtshaus
Der Ritter zwischen Himmel und Erde
Die Heimreise im Käfig
Wasserburg und Wellenbad
Der Flug auf dem hölzernen Pferd
Der Einzug in Barcelona

Don Quichotte
Erich Kästner


Der Flug auf dem hölzernen Pferd

Und noch immer nicht waren sie in Saragossa! Und schon wieder kam ihnen etwas in die Quere! Mitten in einem Walde trafen sie eine fürstliche Jagdgesellschaft, und der Herzog, dem der Wald und viele Dörfer und ein prächtiges Schloss gehörten, lud die zwei ein, für einige Zeit seine Gäste zu sein. Und als auch noch die Herzogin darum bat, wäre es unhöflich gewesen, nein zu sagen.

So blieben sie also im Schloss, aßen an der herzoglichen Tafel und mussten alle ihre Abenteuer erzählen. Dem Herzogpaar und deren Verwandten und Bekannten gefiel das großartig, und oft lachten sie so sehr, dass sie nicht weiteressen konnten. Nur der Pfarrer ärgerte sich grässlich, und am dritten Abend sagte er, rot vor Zorn: »Ich habe genug davon, Herr Herzog, dass zwei Verrückte lauter Unsinn erzählen und Ihr darüber lacht! Wenn die beiden Kerle wieder fort sind, könnt Ihr mir einen Boten schicken! Bis dahin bleib' ich in meinem Pfarrhaus 1 Gute Nacht! « Damit stand er auf und ging.

Seitdem war es nur noch lustiger im Schlosse. Die Herzogin, der Herzog und die anderen Adeligen taten, als ob auch sie, genau wie Don Quichotte, an Riesen, Zauberer, Gespenster und fahrende Ritter glaubten, und konnten nicht genug darüber hören. Früher hatten sie oft Langeweile gehabt. jetzt verflog ihnen die Zeit im Flug, und sie hatten nur eine Sorge: Don Quichotte könne sie verlassen. Eines Tages war es soweit. Er verneigte sich vor dem Herzogspaar und sagte: »Nun hab' ich euch alle meine Abenteuer berichtet, und auch über Riesen und Zauberer hab' ich euch alles erzählt, was ich weiß. Drum lasst mich und meinen Stallmeister ziehen, damit wir in Saragossa und anderswo neue Abenteuer bestehen.« - »Ihr bleibt!« rief da der Herzog. »Abenteuer gibt es. nicht nur in der Ferne! « - »Wenn es Abenteuer auch in der Nähe gibt«, sagte der Ritter, »dann bleiben wir noch ein wenig, Herr Herzog.«

Da rief der Herzog seine Freunde zusammen, und sie dachten sich eine unglaubliche Geschichte aus, mit der sie den Ritter überraschen und sich unter halten wollten. Das war die Geschichte von den bärtigen Frauen, dem Zauberer Malambruno und dem Pferde Zapfenholz! Und schon am nächsten Abend setzte man das Abenteuer in Szene.

Während des Essens erschienen plötzlich mehrere Frauen mit Bärten und Haaren im Gesicht! Sie weinten, warfen sich zu Boden und baten um Hilfe. Der Riese und Zauberer Malambruno habe ihnen Bärte ins Gesicht gehext, sie aus ihrer Heimat, dem Königreich Candaya, vertrieben und geschworen, sie von den abscheulichen Haaren nur zu befreien, wenn sie den tapferen Ritter Don Quichotte fänden und dieser mit ihm, dem Zauberer, kämpfen wolle. Da sprang Don Quichotte auch schon auf und rief: »Ich will! Wo ist dieser Malambruno? Und wo ist mein Schwert?« Da antwortete die vornehmste der bärtigen Damen: »Ihr seid wahrlich Eurem Ruhme gleich! Noch heute wird Malambruno sein hölzernes Pferd durch die Lüfte schicken, damit es Euch und Euren Stallmeister zum Zweikampf in sein Reich bringt! « - »Das ist nichts für meines Vaters Sohn«, sagte Sancho Pansa ängstlich.

Da kam schon ein herzoglicher Diener in den Saal gerannt und meldete eben sei ein hölzernes Pferd, aus den Wolken herab, im Garten gelandet, Alles lief in den Garten, und dort stand tatsächlich das Pferd mit dem seltsamen Namen »Zapfenholz«, war tatsächlich aus Holz und hatte tatsächlich zwischen den Ohren einen Zapfen, mit dem man es in der Luft lenken konnte. Nun verband man dem Ritter und Sancho die Augen, damit ihnen bei dem Ritt durch die Luft nicht schwindlig würde, setzte beide aufs Pferd und rief ihnen Abschiedsworte zu. Erst laut, dann immer leiser und leiser, damit die beiden Reiter glauben konnten, sie seien schon unterwegs und schwebten in die Lüfte. Dann schlichen sich Diener auf Zehenspitzen näher, machten mit Blasebälgen Wind und schwenkten Fackeln vor dem Pferdekopf, bis Don Quichotte und der kleine Dicke meinten, sie durchquerten Stürme und Wolken und heiße Zonen.

Der Herzog und seine Gäste umstanden stumm das Pferd, lauschten der Unterhaltung der beiden Reiter, die sich hoch in der Luft wähnten, und hielten sich den Mund zu, um nicht herauszulachen. Schließlich setzte ein Diener mit der Fackel eine Lunte in Brand. Da liefen alle zur Seite und hinter Büsche und Bäume, und schon blitzte und krachte es wie in einer Gewitterwolke! Don Quichotte und Sancho Pansa flogen nun wirklich durch die Luft, wenn auch nur für eine Sekunde! Dann fielen sie wie schwere Kohlensäcke in den Rasen und verloren die Besinnung.

Als sie wieder zu sich kamen, war das Holzpferd verschwunden. Der Herzog lag am Boden und tat, als sei er ohnmächtig geworden. Die bärtigen Damen hatten keine Bärte mehr und fielen sich in die Arme. Und neben Don Quichotte steckte eine Lanze im Gras, und an der Lanze war ein Pergament festgebunden, auf dem folgendes zu lesen war: »Ich, der Riese und Zauberer Malambruno, gebe den von mir verhexten Damen ihre Schönheit zurück. Mir hat es genügt, dass der tapfere Ritter mit mir kämpfen wollte. Deshalb war der Zweikampf selber nicht mehr nötig. Malambruno, Riese und Zauberer.«

Nun erwachte auch der Herzog aus seiner gespielten Ohnmacht. Und er und alle anderen beglückwünschten die bartlosen Damen und priesen Don Quichotte als den tapfersten Spanier, der einen Harnisch trüge. Und das war nicht einmal gelogen, denn außer Don Quichotte trug ja kein Mann in ganz Spanien noch eine Ritterrüstung ...